Wellensittiche haben in den letzten Jahrzehnten die Herzen unzähliger Menschen erobert, doch ihre artgerechte Ernährung bleibt ein Thema voller Missverständnisse. Diese faszinierenden Vögel, die ursprünglich aus Australien stammen, durchstreifen dort in riesigen Schwärmen die trockenen Graslandschaften und ernähren sich hauptsächlich von halbreifen Grassamen und Kräutersamen. Was in der Wildnis perfekt funktioniert, wird in deutschen Wohnzimmern leider oft ignoriert. Das Resultat sind übergewichtige Wellensittiche mit Fettleber, Schilddrüsenproblemen und Nierenerkrankungen – Leiden, die durch richtige Fütterung vermeidbar wären.
Körnermischungen: Nicht alle sind gleich gut
Die Basis jeder gesunden Wellensittich-Ernährung bildet eine hochwertige Körnermischung. Doch hier trennt sich die Spreu vom Weizen – im wahrsten Sinne. Eine optimale Mischung sollte etwa 37 Prozent Grassamen, 34 Prozent mehlhaltige Saaten, 26 Prozent ölhaltige Saaten, 2 Prozent Kräuter und 1 Prozent Blüten enthalten. Verschiedene Hirsesorten wie Senegalhirse, Silberhirse, Platahirse und Japanhirse bilden zusammen mit Grassamen das Rückgrat einer artgerechten Fütterung.
Der Teufel steckt im Detail: Viele handelsübliche Mischungen sind mit Sonnenblumenkernen und Nüssen vollgestopft. Diese Fettbomben haben in einer Wellensittich-Ernährung nichts verloren. In ihrer natürlichen Umgebung würden diese kleinen Australier niemals auf derart energiereiche Samen treffen. Grassamen sind deutlich kalorienärmer als Hirse und entsprechen viel besser ihrem natürlichen Speiseplan. Alles andere führt zu Verfettung – einem schleichenden Problem, das oft erst erkannt wird, wenn bereits gesundheitliche Schäden entstanden sind.
Frischfutter macht den Unterschied
Während Körner die Energiegrundlage schaffen, liefert Frischfutter die lebenswichtigen Vitamine und Mineralien. Täglich sollten verschiedene Gemüse- und Kräutersorten auf dem Speiseplan stehen. Vogelmiere, Löwenzahn, Basilikum, Petersilie und Koriander sind nicht nur nährstoffreich, sondern bieten auch willkommene Beschäftigung für neugierige Schnäbel.
Bei Gemüse haben sich Karotten, Gurke, Zucchini, Paprika und Fenchel bewährt. Blattsalate können angeboten werden, ihr hoher Wassergehalt macht sie allerdings weniger wertvoll. Chicoree und Feldsalat sind die klügere Wahl. Spinat sollte nur sparsam gefüttert werden, da die enthaltene Oxalsäure die Kalziumaufnahme hemmt.
Ein weit verbreiteter Irrtum betrifft Obst: Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht. Täglich Apfel, Birne oder Weintrauben anzubieten belastet die Bauchspeicheldrüse durch den hohen Fruchtzuckergehalt erheblich. Obst sollte maximal zweimal wöchentlich und nur in kleinen Mengen gereicht werden. Wellensittiche sind nun mal keine Obstfresser – ihre Verdauung ist darauf schlichtweg nicht ausgelegt.
Keimfutter als Nährstoffbooster
Gekeimte Samen sind wahre Kraftpakete. Während des Keimprozesses explodiert förmlich der Vitamin- und Enzymgehalt, gleichzeitig werden die Samen leichter verdaulich. Besonders für Jungvögel, während der Mauser oder bei geschwächten Tieren ist Keimfutter Gold wert.
Die Zubereitung erfordert allerdings Disziplin: Körner werden etwa acht Stunden eingeweicht, dann gründlich gespült und in einem Keimglas bei Zimmertemperatur gelagert. Zweimal täglich spülen verhindert Schimmelbildung. Nach 24 bis 48 Stunden, sobald kleine weiße Keime sichtbar werden, ist das Futter bereit. Keimfutter verdirbt schnell und muss nach spätestens zwei Stunden entfernt werden – im Sommer sogar noch schneller.

Mineralien: Die unterschätzten Lebensretter
Hier wird es ernst: Die Mineralstoffversorgung wird von vielen Haltern dramatisch unterschätzt. Wellensittiche benötigen ständigen Zugang zu Grit – einem Gemisch aus kleinen Steinchen, Muschelgrit und Magengrit. Diese Steinchen lagern sich im Muskelmagen an und helfen beim Zermahlen der Körner, während sie gleichzeitig Kalzium und andere Mineralien liefern.
Ein Sepiaschalen-Knochen sollte permanent zur Verfügung stehen, nicht nur zur Schnabelpflege, sondern vor allem als Kalziumquelle. Weibchen mit Neigung zur Eiablage haben einen besonders hohen Kalziumbedarf – ein Mangel führt zu Legenot, einem lebensbedrohlichen Zustand.
Jodmangel ist ein weitverbreitetes Problem und führt zu Schilddrüsenvergrößerungen. Spezielle Jodsteine oder jodiertes Vogelfutter können vorbeugen. Die Zugabe von Jod ins Trinkwasser sollte nur nach Rücksprache mit einem vogelkundigen Tierarzt erfolgen, da die Dosierung schwer kontrollierbar ist.
Wasser: Unterschätzte Gefahrenquelle
Frisches, sauberes Wasser muss täglich gewechselt werden, bei hohen Temperaturen sogar zweimal täglich. Leitungswasser reicht in den meisten Regionen völlig aus. Von Vitamin- oder Mineralzusätzen im Trinkwasser ist abzuraten – sie bieten ideale Nährböden für Bakterien und Pilze.
Die Gefahr von verschmutztem Wasser wird häufig unterschätzt. Wellensittiche tauchen beim Trinken ihren Schnabel ins Wasser und können so Futterreste oder Schmutz eintragen. Innerhalb weniger Stunden vermehren sich krankmachende Keime explosionsartig. Offene Wassernäpfe sollten täglich mit heißem Wasser gereinigt, Trinkflaschen mindestens zweimal wöchentlich gründlich geschrubbt werden.
Tabus im Futternapf
Bestimmte Lebensmittel haben im Wellensittich-Napf nichts zu suchen. Fettreiche Nahrungsmittel wie Sonnenblumenkerne in großen Mengen, Nüsse sowie stark zuckerhaltige Lebensmittel wie Honig sollten gemieden werden. Sie entsprechen nicht der natürlichen Ernährung und führen zu Verfettung.
Überraschend problematisch sind auch viele handelsübliche Knabberstangen. Sie enthalten meist Honig, Zucker und Bindemittel – alles Zutaten, die in der natürlichen Ernährung dieser Vögel nicht vorkommen. Der hohe Kaloriengehalt bei gleichzeitig geringem Nährwert macht sie zur reinen Kalorienbombe.
Richtig füttern im Alltag
Anders als bei Säugetieren sollte Wellensittichen Körnerfutter nicht rationiert werden. Ihr hochaktiver Stoffwechsel verlangt nach kontinuierlichem Zugang zu Nahrung. Die Vögel regulieren ihre Futteraufnahme selbst und fressen instinktiv die richtige Menge.
Das tägliche Entfernen der Spelzen ist essentiell. Viele unerfahrene Halter glauben, der Napf sei noch voll, dabei befinden sich dort nur noch leere Hülsen. Der Vogel hungert, während der Napf voll erscheint – eine gefährliche Täuschung. Frischfutter wird am besten morgens angeboten, wenn die Vögel besonders aktiv sind. Übrig gebliebenes Grünfutter muss abends entfernt werden.
Die richtige Ernährung entscheidet über Gesundheit, Lebensfreude und Vitalität dieser gefiederten Mitbewohner. Jeder Wellensittich, der artgerecht ernährt wird, dankt es mit leuchtenden Farben und unverwechselbarem Gezwitscher. Eine Ernährung, die sich an natürlichen Bedürfnissen orientiert – mit Grassamen, hochwertigen Körnermischungen und frischem Grünfutter – bildet die Grundlage für ein erfülltes Vogelleben.
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